Vestland, Norwegen

Winter-Durchquerung des Jotunheimen-Gebirges

Autark und ohne fremde Unterstützung durch das höchste Gebirge Skandinaviens.

Der Winter neigte sich in Deutschland bereits dem Ende, als wir zu einer überaus ambitionierten Tour aufbrechen: Einer verlängerten Variante der klassischen HAUTE ROUTE JOTUNHEIMEN im Winter – der Königstraverse des höchsten Gebirges Skandinaviens. „Heim der Riesen“ wird das Jotunheimen-Gebirge auch genannt: Das 3500 qkm große Gebirge mit seinen schroffen Gipfeln, Gletschern und Trogtälern ist eiszeitlich stark geprägt. Ende März herrschen hier noch eisig-arktische Bedingungen, vor allem an den mehr als 250 sturmumtosten Berggipfeln.

Das Jotunheimen-Gebirge soll nach unseren letzten beiden Winterdurchquerungen der Hardangervidda sowie des Sarek unsere anspruchsvollste Winterdurchquerung eines skandinavischen Nationalparks werden. Entsprechend ambitioniert ist unsere Planung: Die Haute Route Jotunheimen in zwei Wochen völlig autark, also ohne jegliche Unterstützung in Form von Hütten, Lebensmitteldepots oder Motorschlitten zu durchqueren. Dazu wollen wir außerdem einige der reizvollsten Berge im westlichen Teil des Gebirges besteigen.

Gestartet sind wir bei anspruchsvollen Wetterbedingungen im nördlichen Ende des Nationalparks am Eingang des Dumdalen, einem wilden Tal, welches auf eine ausschweifende Hochebene des Storevatnet führt. Mit dabei: Über 80 kg Gepäck, Lebensmittel und Gas für zwei Wochen, Winterzelt und komplette Gletscher- und Bergausrüstung, alles verteilt auf zwei Pulken.

Am Abend des zweiten langen, aufgrund der eingeschränkten Sicht von nur ein paar Metern sehr anstrengenden Tages, hatten wir gerade einen gefrorenen See überquert. Wir waren keine 20 m von der Stelle entfernt, an der wir unser Zelt aufstellen wollten, als der Albtraum passierte, der nie passieren sollte: Ich breche ohne Vorwarnung durch einen halben Meter Schnee ein und stehe bis zur Brust in einen Fluss. Zum Glück konnte ich mich schnell wieder aus dem kalten Wasser herausarbeiten. Zügig bauen wir unser Zelt auf, damit ich mit meinen nassen Klamotten aus dem Wind komme.

Wie sich im weiteren Verlauf herausstellte war unsere Etappenplanung für die gesamte Route zu optimistisch. Statt der geplanten anderthalb Tage haben wir ganze vier Tage für den ersten Abschnitt benötigt. Das Wetter, die Topografie und das viele Gewicht, welches wir jeden Tag durch die grandiose Landschaft bewegen mussten, forderten bereits vom ersten Tag an ihren Tribut. Obwohl wir auf unserer geplanten Route hauptsächlich Tälern folgen, haben wir jeden Tag zahlreiche Flanken im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Viele der Flanken sind so steil, dass wir jede Pulka zu zweit den Hang hochzerren müssen, was unsere Gehstrecke verdreifacht. Und wo es steil bergauf geht, geht es oft auch ebenso steil bergab. Auch hier müssen wir öfter als geplant unsere Pulkas gemeinsam ablassen. Echte Schwerstarbeit, und das im strammen Winter bei oft stark eingeschränkter Sichtweite. Das hatten wir uns etwas anders vorgestellt.

» Planen, Starten, Anpassen, Umsetzen – im Bergsport ist das die gängige Formel.
Mit etwas Glück lässt sich die Anpassungsphase manchmal auch vermeiden. «

Schweren Herzens müssen wir umplanen. Wenn wir mit der täglichen Belastung so weitermachen wie in den vergangenen Tagen, werden wir bald völlig erschöpft sein und das wäre dann das vorzeitige Ende. Den Großteil der Distanz haben wir noch vor uns. Gute Planung ist alles, aber bei solchen Unternehmungen ist neben viel Improvisation oft auch das nötige Quäntchen Glück erforderlich. Wetter, lokale Bedingungen oder Einschränkungen lassen sich nicht im Voraus planen. Wir passen uns also an. Ein ausgefeilterer Streckenverlauf und kürzere Tagesetappen mit weniger Höhenmeter waren letztendlich der Schlüssel zum Weiterkommen. Statt der geplanten Haute Route, der kompletten West-Ost-Durchquerung, konzentrierten wir uns nun auf die westliche Hälfte des Gebirges. Das ist nicht wirklich, was wir ursprünglich geplant hatten. Aber Pläne sind oft einfach gefasst und lassen sich dann später nur schwer umsetzen. Letzten Endes haben wir mit unserer angepassten Strategie unser neues Ziel erreicht: Die Motivation stieg von da an und wir konnten die Landschaft wieder mehr genießen.

Galdhøpiggen, höchster Berg Skandinaviens

Am Ende unserer Durchquerung stand noch die Besteigung des Galdhøpiggen, dem höchsten Berg Skandinaviens auf dem Programm. Durch einen Ausrutscher stürzte Kirsten am frühen Morgen auf ihre Hand. Dass sie sich dabei die Hand brach, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Trotzdem haben wir uns bei –15°C bis auf den 2272 m hohen Svellnose, einen der vier Gipfel des Massivs, gearbeitet. Windböen bis 100 km/h ließen uns dort oben dann aber keine andere Wahl als umzukehren und wieder ins Tal abzusteigen.

Die Planung und Durchführung einer solch umfangreichen Tour ist immer ein sehr spannendes Projekt. Sofern man in der Planungsphase auch Zeit für die Planung alternativer Ziele investiert, kann man bei auftretenden Problemen auf laufender Tour relativ einfach umschwenken. Hat man aber keine Alternativen parat, ist Improvisation und Anpassung oder konsequente Richtungsänderung zielführend. Damit beginnt ein neuer Weg mit unbekannten Variablen. Meter für Meter, Tag für Tag, Schritt für Schritt – unser Weg.

Eckdaten

Erstmal die Lage checken:

Begehung:

29. März – 11. April 2026, zusammen mit Kirsten Steimel

Streckenverlauf:

Bøvertun – Dumdalen – Storevatnet Hochebene – Sognefjell – Utladalen – Tungehaugane – Storutladalen – Gravdalsdammen – Gravdalen – Leirvatnet – Visdalen – Spiterstulen

Länge:

56 km, 2830 Hm, 14 Tage.

Start und Ziel:

Bøvertun und Spiterstulen. Beide Orte sind per Taxi von Lom aus erreichbar.

GPS-Track:

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