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Highlands, Schottland

Stürmische Zeiten

Mixedklettern nach schottischer Tradition.

Schottland ist bekannt für besten Single Malt, Haggis und schlechtes Wetter. Darüber hinaus pflegen die Schotten eine ganz eigenständige Kletterethik: traditionell, ehrlich und kompromisslos. Dies ist ein Bericht über liebenswerte Menschen, die diese Kultur leben.

Im Rahmen des BMC International Winter Meet 2016 vom British Mountaineering Council war ich – zusammen mit Susanne Süßmeier vom deutschen Damen-Expeditionskader – im Januar zum Mixedklettern nach Schottland eingeladen. Ein Event, auf das ich mich sehr gefreut habe. Das internationale Treffen mit knapp 40 eingeladenen Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Ländern war bestens organisiert: Auf dem Programm stand Klettern in täglich neuen Gebieten und in wechselnden Seilschaften. In abendlichen Präsentationen stellten die Teilnehmer ihre eigenen Winterklettergebiete in Schottland, Kanada, Indien, USA, Griechenland und Portugal vor. Neben dem Erkunden der schottischen Bergwelt gab es viel Zeit für interessante Gespräche. Zahlreiche neue Kontakte entstanden, aus denen sich im Laufe der Woche Freundschaften bildeten und gemeinsame Zukunftspläne geschmiedet wurden. Das Event wurde so zu einem vollen Erfolg.

Das Besondere am schottischen Winterklettern sind die außergewöhnlichen klimatischen Bedingungen. Hohe Niederschlagsmengen und aufeinander folgenden Tau- & Frostphasen mit kalten polaren Luftmassen sorgen letztendlich dafür, dass die zum Winterklettern benötigten Verhältnisse entstehen können. Die schottischen Ethikregeln zum Winterklettern besagt, dass eine Kletterroute winterliche Bedingungen aufweisen sollte (vereiste bzw. vom Schnee angeblasene Felswände). Fels und Torf darf nicht nass sein, sondern muss gefroren sein. Es sollte insgesamt leichter sein, die Route mit Eisgeräten und Steigeisen zu klettern als ohne.

Anfangs hatten wir jedoch milde Temperaturen und Stürme mit starken Windböen bis beachtliche 160 km/h, so dass sich ein Klettertag in der Höhle des Drytooling-Gebiets von Newtyle Quarry bei Dunkeld anbot.

Ben Nevis und Lochnagar

Trotz der widrigen Bedingungen während der nächsten Tage gelang es uns, etliche Touren erfolgreich durchzuziehen. So konnte ich zusammen mit Masa Sakano an einem 16-stündigen Klettertag am Ben Nevis im Sektor Coire na Ciste – Number Three Gully Buttress die Thompson’s Route klettern.
Ein weiteres Highlight folgte am darauffolgenden Tag: die Erstbegehung einer neuen Route (V,7) mit Simon Richardson in Lochnagar im Sektor The Stuic. Kaum zu glauben, bei welch widrigen Bedingungen Simon hier das Seil auspackte. Respekt!

Das Wetter forderte seinen Tribut, die Tage waren sehr kräftezehrend. Der Freitag, der dann überraschend Stürme mit infernalen Windböen von 240 km/h brachte, bot Gelegenheit für einen Ruhetag, den wir alle dankend annahmen. Der geplante Besuch der Dalwhinnie-Destillerie fand leider nicht statt, da deren Dach überraschenderweise davon geflogen war (Sturmtief Gertrud sorgte hier für eine beeindruckende Darbietung). Zum Glück bot die Bar in unserer Lodge einen adäquaten Ersatz.

Northern Corries of Cairn Gorm

Der starke Schneefall verwandelte die Gegend in eine Märchenlandschaft und sorgte dafür, dass etliche Straßen gesperrt wurden. Dank der hervorragenden Ortskenntnisse von Andy Nisbet und Simon Richardson gelang es aber, an diesem Tag in Laufweite zur Unterkunft den Central Buttress Direct am Mam Suim, Creag na h-Iolaire zu klettern. Der letzte Tag bot sehr gute Verhältnisse, die wir für eine Variante der Doorway Ridge am Lurcher’s Crag nutzten.

Das Erkunden der schottischen Klettergebiete zusammen mit den Locals war eine spannende Angelegenheit. Ortkenntnisse und Erfahrung sind von großem Vorteil, denn es kann vorkommen, dass ein Klettergebiet keine Winterverhältnisse bietet, während ein Nachbargebiet auf Grund seiner Exposition perfekte Bedingungen aufweist. Darüber hinaus spielt die Orientierung in Schottland angesichts der sich rapide und ständig wechselnden Wettersituation bei geringen Sichtweiten eine zentrale Rolle. Die Klettergebiete sind weit abgelegen, die Zustiege durch beeindruckende Moor- und Heidelandschaften sind lang und unterwegs kann einem Schnee- und Graupelschauer waagerecht ins Gesicht blasen. Es müssen Flüsse durchquert werden, man hat also mit reichlich feuchtem Untergrund zu kämpfen. Die Kletterrouten sind mit wenigen Seillängen relativ kurz, aber auf den Gipfelplateaus erwarten den Kletterer starke Winde (auch wenn sich die Locals bemühten festzustellen, dass das nicht immer so sei). Mein Respekt vor der schottischen Bergwelt und für alle, die darin klettern, wuchs von Tag zu Tag. Die ganze Angelegenheit ist mühsam, der Ertrag an Klettermetern zudem sehr gering. Trotzdem – oder gerade deshalb – entsteht ein sehr starkes und nachhaltiges Gesamterlebnis mit großem Potential für echte Abenteuer.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Becky McGovern und Nick Colton für die tolle Organisation des Events. Besonders dankbar bin ich Simon Richardson und Masa Sakano für die erstklassigen Erlebnisse in den schottischen Bergen!


Beschreibung

Erstmal die Lage checken:

Bester Zeitpunkt:

Anfang Januar bis Ende März. Die Verhältnisse sind gegen Ende der Saison oft am besten.

Absicherung:

Der nächste Bohrhaken befindet sich 120 km südlich im Drytooling-Revier von Newtyle Quarry bei Dunkeld/Deans Park.

» Lageplan auf Google Maps

Hinweis:

Das schottisches Wetter ist unglaublich variabel – und so sollte auch die Kleidung sein: Regenfeste Jacke und Hose gehören zur Grundausstattung, um den Körper trocken (und warm) zu halten. Gamaschen helfen bei den zahlreichen Flussquerungen im Zustieg gegen nasse Füße. Stöcke sind im Sturm hilfreich, wenn es darum geht, in gekrümmter Haltung noch über eine Flanke absteigen. Da eine Seillänge in Schottland auch schon mal etwas länger dauern kann, ist ein Belay Jacket (Kunstfaser ist der Daune unbedingt vorzuziehen) am Standplatz sehr nützlich. GPS, Karte und Kompass, Skibrille, Fäustlinge und etliche Wechselhandschuhe sichern darüber hinaus die Handlungsfähigkeit.

Ausrüstung für die wilden Tage:

Die Absicherung in klassischem Mixed-Gelände erfolgt hauptsächlich mit Klemmkeilen (je 1 Set Offwidth und 1 Set Regular), Hexentrics und Tricams, Ice Piton und größere Pecker sind ebenfalls sehr nützlich. Eisschrauben kommen nur sehr selten zum Einsatz. Camalots bis #2 sind nützlich, halten in vereisten Rissen aber nicht gut.

Kulinarische Empfehlung:

Haggis. Diese schottische Spezialität besteht aus dem Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge und Hafermehl gefüllt wird. Schmeckt köstlich!

» Scottish winter climbing Blog von Simon Richardson (www.scottishwinter.com …)

» The British Mountaineering Council BMC Report (www.thebmc.co.uk …)

» Nationales Outdoor Trainingszentrum Glenmore Lodge (www.glenmorelodge.org.uk)

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